Verbundglas oder Einscheiben-Sicherheitsglas: Wie historisches Autoglas Form und Zeichen bekam

Ein Herstellerlogo, die Bezeichnung der Glasart und weitere kleine Zeichen machen eine alte Autoscheibe zu einem dokumentierbaren Bauteil. Sie geben Hinweise auf den Hersteller und die Fertigungsart. Ob die Scheibe ab Werk montiert war oder wann sie genau entstand, lässt sich daraus allein jedoch nicht ableiten.

Um solche Aufdrucke einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die Herstellung. Verbundglas und Einscheiben-Sicherheitsglas unterscheiden sich in ihrem Aufbau und ihrer Wärmebehandlung. Das erklärt auch ihre unterschiedliche Bruchcharakteristik.

Zwei Wege zum Sicherheitsglas

Saint-Gobain Sekurit datiert die Erfindung des Verbundglases durch Édouard Bénédictus auf 1909. Bei diesem Aufbau verbindet eine transparente Kunststoffzwischenlage zwei Glasscheiben. Bricht das Glas, hält die Zwischenlage die Fragmente fest.

Für eine laminierte Windschutzscheibe werden zunächst zwei Glasscheiben geformt. Anschließend legt der Hersteller eine Polymerzwischenlage zwischen beide Scheiben und verbindet das Paket unter Druck im Autoklaven. Die Scheibe bleibt damit ein mehrschichtiger Verbund.

Einscheiben-Sicherheitsglas, kurz ESG, entsteht auf einem anderen Weg. Saint-Gobain führt die Entwicklung des Securit-Härteverfahrens auf das Jahr 1929 zurück. Bei der beschriebenen Fertigung werden Seiten- und Heckscheiben erhitzt und geformt. Danach kühlt schnell zugeführte Luft das Glas ab und spannt es thermisch vor. Die dabei erzeugten inneren Spannungen sorgen dafür, dass das Glas beim Bruch in kleine Fragmente zerfällt.

Ein Besuch bei Triplex im Jahr 1970

Wie diese Fertigung damals ablief, schildert ein Bericht über das Triplex-Werk in King’s Norton aus dem Jahr 1970. Für Einscheiben-Sicherheitsglas wurde zugeschnittenes Glas während der Wärmebehandlung über fahrzeug- und scheibenspezifischen Formen in die benötigte Wölbung gebracht. Größere Scheiben wurden gepresst, kleinere unter Wärmeeinwirkung abgesenkt und so geformt.

Zum Härten nennt der Bericht eine Erwärmung auf 650 Grad Celsius. Anschließend kühlten Luftstrahlen das Glas auf ungefähr 200 Grad Celsius ab. Durch dieses schnelle Abkühlen entstanden die gewünschten Spannungen im Material.

Auch die damalige Verbundglasfertigung wird konkret beschrieben. Triplex fügte zwei bereits geformte Scheiben mit einer Zwischenlage aus Polyvinylbutyral zusammen. Per Vakuum wurde die Luft entzogen. Danach folgte eine zweieinhalbstündige Behandlung bei 100 Grad Celsius und einem Druck von 520 Pfund je Quadratzoll. Diese Werte gelten für das im Bericht beschriebene Triplex-Verfahren und nicht pauschal für jede historische Fertigung.

Was Herstellerzeichen und Glasart-Aufdruck aussagen

Die Beschriftung war Teil des Herstellungsablaufs. Eine Prozessunterlage von Saint-Gobain Sekurit nennt den Druck von Emailrand, Logo und Glasart als eigenen Arbeitsschritt. Im Triplex-Bericht wurden nach der Endkontrolle das Warenzeichen mit den drei X und eine Sicherheitskennzeichnung aufgebracht.

Ein Herstellerzeichen ist somit zunächst ein Hinweis auf den Hersteller der Scheibe. Eine Bezeichnung wie Verbundglas oder Einscheiben-Sicherheitsglas benennt ihren Aufbau oder ihre Behandlung. Weitere Zeichen können vorhanden sein. Die verwendeten Quellen bieten dafür jedoch keine allgemeine Leseregel, die für alle Hersteller, Baujahre und Märkte gilt.

Historisches Autoglas sollte deshalb Scheibe für Scheibe dokumentiert werden. Sinnvoll sind gut lesbare Fotos und eine getrennte Erfassung nach Front-, Seiten-, Heck- oder Dachscheibe.

  • Herstellerzeichen vollständig und ohne Spiegelungen fotografieren
  • Bezeichnung der Glasart und weitere Zeichen festhalten
  • Scheibenposition und Fahrzeug getrennt notieren

Kennzeichnung ist kein Originalitätsnachweis

Aufdrucke sind bei der Teilekunde nützliche Vergleichsmerkmale. Sie beweisen aber weder, dass eine vorhandene Scheibe zur Erstausstattung des konkreten Fahrzeugs gehörte, noch liefern sie ohne herstellerspezifische Belege ein genaues Fertigungsdatum.

Aus einer historischen Kennzeichnung allein lässt sich auch keine Aussage über die Austauschbarkeit einer Scheibe ableiten. Ihr belastbarer Wert liegt zunächst in der Dokumentation: Sie hält fest, welches Herstellerzeichen und welche Glasart auf der vorhandenen Scheibe angegeben sind. So bleibt ein sichtbares Merkmal für die weitere Fahrzeug- und Teilegeschichte erhalten.

Quellen und weiterführende Informationen